Stephanie Hirschvogel
Untersucht man die soziografischen Ordnungsprinzipien der ehemals von europäischen Einwanderern in Palästina zu Anfang des 20. Jahrhunderts gegründeten Kibbuzim findet man wider Erwarten, radikal moderne Städte. Die Kibbuz-Bewegungen unterschieden sich ideologisch darin, dass sie «unterschiedlichen Gesellschaftskonzepten anhingen, die auf Formen des Sozialismus und seiner Auslegung durch unterschiedliche jüdische Gelehrte und Philosophen beruhten.» So stellt das folgende Zitat des Mitbegründers und Sprechers der Kibbuz-Hameuchad-Bewegung, Yitzhak Tabenkin, den revolutionären Anspruch dieser Siedlungsform, die weder Stadt noch Dorf sein sollte, wie folgt dar: «Die Stadt, wie auch das Dorf, sind vorübergehende Formen, und ein neuer Typus Siedlung entwickelt sich in der Zukunft: Weder Stadt noch Dorf, aber etwas aus beidem.»
Kibbuz
Der deutsch-jüdische Architekt Richard Kauffmann (1887–1958) hat in den 20er-Jahren den modernen Städtebau in Palästina eingeführt. Auch Kauffmanns Entwürfe für seine ländlichen Kommunal- und Genossenschaftssiedlungen waren deutlich von der europäischen Avantgarde inspiriert, deren städtebauliche Utopien zum Abbild einer neuen, idealen Vorstellung von Gesellschaft wurden. Ein Leitwerk für Kauffmann wurde das avantgardistische Manifest von Bruno Taut (1880–1938): «Die Stadtkrone». Der davon abgeleitete Terminus der Siedlungskrone von Kauffmann wurde der Inbegriff einer Idealstadt-ähnlichen Siedlungstypologie im Palästina der 20er-Jahre und der «gebaute Ausdruck des sozialen Gedankens» einer neuen jüdischen Gesellschaft.
Siedlungskrone